(pcp-wm) Wer im Laufe des letzten Jahres die Versteigerung der ersten beiden Teile der Bill Gross-USA-Sammlung verfolgt hat, war bereits gut im Bilde, welches Potential der amerikanische Markt hat. Was sich aber am 22. Juni zu – aus europäischer Sicht – mitternächtlicher Zeit im Vereinsheim des Collectors Club von New York abspielte, spottete aller Vergleiche. Der Ort der Auktion war von der Auktionsfirma H. R. Harmer mit Bedacht gewählt worden, ist dieser doch wie kein anderer mit Giganten der US-amerikanischen Philatelie historisch verbunden: mit Alfred Lichtenstein und dessen Tochter Louise Boyd-Dale, mit John R. Boker und vielen anderen.

Was aber ab 6.30 Uhr nachmittags (0.30 Uhr europ. Zeit) geschah, überraschte jeden, der dabei war. Mit Los 1 wurde eine Ikone der Postmaster Provisionals für 1 Million Dollar offeriert, die letztmalig 1967 bei einer Siegel-Versteigerung der Sammlung von Josiah K. Lilly jr. öffentlich angeboten worden war. Der legendäre „Blue Boy“-Brief von 1847 erreichte den festgelegten Ausrufpreis und dürfte mit dem Aufgeld von 18% den neuen Besitzer eine gute Million Euro gekostet haben. Danach ging es aber erst recht zur Sache. Kein Los blieb liegen, alles (bis auf ein zurückgezogenes Los) wurde verkauft und dies zu Steigerungen, die exorbitant waren. Verdoppelungen und Verdreifachungen waren eher die Ausnahme, 5-fach, 10-fach, 20-fach und noch weit höhere Zuschläge kamen häufig vor! Man traute seinen Augen nicht. Dem Gesamtausrufwert von ca. 1,39 Millionen US-$ stand am Schluss ein Gesamtzuschlagsergebnis von fast 2,6 Millionen US-$ gegenüber. Dieter Michelson, Mitinhaber des Global Philatelic Network, zu dem das New Yorker Haus H. R. Harmer zählt, schilderte gegenüber dem pcp seinen Eindruck:

Unsere Auktion in New York war ein Erlebnis! Der legendäre Blue Boy wurde vor 52 Jahren zuletzt auf einer öffentlichen Versteigerung angeboten. Er wurde jetzt bei der Auktion, die in den Räumen des Collectors‘ Club in New York stattfand, zum Startpreis von US $ 1 Mio. (ca. EURO 900.000) zugeschlagen. Andere Ergebnisse der Versteigerung sind schlicht als sensationell zu bezeichnen, wie das Ergebnis des Ersttagsbriefes des Pony Express. Dieser brachte bei einem Startpreis von US $ 100.000 sagenhafte $ 250.000. Selten erlebt man, das jedes Los einer Auktion den Besitzer wechselt. Bei dieser Auktion war es so, fast jedes Los war heiß umkämpft und brachte meist ein Vielfaches des Startpreises. Besonders hervorzuheben ist das Internetbieten, das den Auktionator teilweise zum erfreuten Zuschauer mutieren ließ.

Für mich persönlich als Auktionator waren die vergangenen zwei Wochen ein Highlight meiner beruflichen Laufbahn. Zwei Mal hatte ich das Vergnügen, legendäre Stücke der Philatelie mit siebenstelligem Ergebnis zuzuschlagen: am 22. Juni in New York den BLUE BOY für US $ 1 Mio. und zwei Wochen vorher in Wiesbaden den legendären Baden-Fehldruck für EURO 1,26 Mio. Dieses Erlebnis hatte vorher noch kein Auktionator in Deutschland, vielleicht sogar weltweit!

Man mag ihm zustimmen, sollte aber auch bedenken, dass in den Vereinigten Staaten gerade diese frühen postgeschichtlichen Dokumente als eine Art nationaler Schatz der eigenen Geschichte angesehen werden. Postmaster Provisionals, Carriers und Locals, die Cicil War Patriotic Covers und die seltenen Belege der Express Companies sind historische Urkunden der frühen Zeit der USA in ihrem damaligen industriellen und gesellschaftlichen Aufbruch. Da verwundert es kaum noch, dass ausgesuchte „Fancy Cancellation“ wie das legendäre „running chicken“ schnell mal von 7.500 auf 50.000 $ sprang (Los 119), selbst ein für 100 $ ausgerufener Brief von 1869 mit dem Maple Leaf-Zierstempel (Los 132) einen 9.500 $-Zuschlag erreichte. Amerika bleibt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – auch für Zuschläge in der Philatelie.