NEU ERSCHIENEN: Thomas Heinrich: Die 70-Kreuzer-Marke zwischen Mythos und Realität. Eine Monographie zum 175-jährigen Jubiläum der Freimarke
(wm-pcp) Ein 182-Seiten-Buch für eine einzelne Briefmarke? Für die „blaue Mauritius“ könnte man sich das vielleicht vorstellen, aber für eine Württemberg-Briefmarke, die erst am 1. Januar 1873 erschien? Und nur, weil am 15. Oktober 1851 Württemberg dem Beispiel anderer altdeutscher Staaten wie Bayern oder Sachsen folgte, ist eine derartige Würdigung doch auch nicht gerade auf der Hand liegend. Oder?
Die Sinnhaftigkeit erschließt sich, wenn man weiß, diese Marke – im MICHEL-Katalog wird sie mit der Katalognummer 42 geführt – ist die letzte der sog. Wappenausgabe und eine extrem rare dazu. Zumal sie zeitweise nur an einigen wenigen Postämtern in Gebrauch war. Warum benötigte man sie überhaupt? Auch dieser Frage stellt sich Heinrich, denn sie lag doch auf der Hand, wenn man sieht, dass die Höchstwerte der zuvor erschienenen Briefmarken nie über 18 Kreuzer lagen. Weil 14 oder 18 Kreuzer-Marken bei Versand schwergewichtiger Auslandsbriefe soviel Platz einnahmen, dass Postkunden auf teurere großformatige und damit schwerere Umschläge mit Mengenfrankatur ausweichen mussten, so dass es für sie noch teurer wurde.
Der fachkundige Experte und Prüfer beginnt mit einer literarischen Recherche über die Marke, widmet sich dabei besonders den bislang erschienenen Standardwerken, die Substanzielles zu dieser ungewöhnliche Marke zu berichten wussten. Karl Köhlers Werk, das Konsul H. E. Sieger vier Jahre nach dessen Tod 1936 überarbeitete und ergänzte, steht dabei an erster Stelle, dicht gefolgt von dem zweibändigen Standardwerk von C. Brühl und H. Thoma, dem Handbuch der Württemberg-Philatelie, das 1975/76 erschien.
Dann geht er aber in medias res. In sieben Kapiteln behandelt Heinrich detailliert, verständlich und sehr übersichtlich u.a. die Markenherstellung, die Belieferung der Postämter und der Auflagen und Verkaufszahlen. Spätestens hier wird dem Leser deutlich, dass diese Marke wahrlich etwas Besonderes war und ist. Im Sechserbogen gedruckt, von denen in der Farbe b (Michel: (dunkel)braunpurpur) nur zwei solcher „Kleinbogen“ bekannt sind, sind selbst breite Randstücke oder kleine Einheiten Raritäten, die er einzeln mit den ihm bekannten Zahlen von belegbaren ungebrauchten oder gestempelten Stücken aufweist und in Farbe abbildet. Dass die Marke zur verschiedenen Zeit in zwei unterschiedlichen Farbgebungen (die erste Auflage a mit einfachen Trennungslinien, die zweite spätere Auflage b mit doppelten punktierten Trennungspunkten) erschien, selbst die Gummierung sich unterscheiden lässt, reduziert die Zahl jeweils bekannter Exemplare auf ein Minimum.
Eine „Fehlfarbe“ erfährt dabei eine späte Rehabilitierung, denn bekannt waren einzelne in Stuttgart ab Oktober 1874 gestempelte Exemplare dieser „Fehlfarbe“ schon Köhler wie Thoma. Gemeint sind Marken mit der Farbe der MiNr. 42a (braunlila) statt der Farbe der 42b (rotlila), die aber doppelte statt der einfachen Trennungslinie aufweisen, die also eigentlich als MiNr. 42ab (nicht wie bei Köhler als 42a II) einzustufen sind. Auch dieses Rätsel erfährt eine Auflösung und Heinrich geht davon aus, dass nur einige Kleinbogen über die Restbestandsverkäufe in Sammlerhände gelangt sind.
Im Katalogteil, der fast ein Drittel des Buchumfanges einnimmt, benennt er all diese ihm und seinen Vorgängerprüfern (er besitzt das Prüfarchiv Thoma) bekannt gewordenen Verwendungsformen sowie Einheiten und bewertet sie. Spätestens hier wird jedem Leser klar, dass solche Objekte rar und teuer, häufig fünfstellig sind, zumal viele – und das weist er detailliert im Stempelkatalog und Ortsregister nach – nicht gut erhalten sind. Häufig gerade einmal die Hälfte oder noch viel weniger.
Bemerkenswert ist der Anhang, in dem er sich eingehend mit dem Thema Fälschungen dieser Ausgabe beschäftigt. Dieses Thema ist in letzter Zeit durch eine teils recht provokant vorgetragene Ausarbeitung von Peter Feuser („Nachstempelungen der Württemberg 70 Kreuzer in Zusammenhang mit den Restbestandsverkäufen“) in die Diskussion gekommen. Heinrich gewichtet die Problematik ganz sachlich, beginnend einmal mehr mit den Aussagen von Karl Köhler, die er an mehreren Stellen korrigiert. Ganzfälschungen loser Marken sind – nimmt man Peter Winters Falsifikate aus – nicht das große Problem, eher waren es zwei bis vor kurzem als echt geltende und für sechs- bzw. siebenstellige DM-Summen früher verkaufte Brieffälschungen mit echten Marken, die mittlerweile als solche erkannt sind.
Fazit: Auch dieses Werk des bekannten Kenners und Könner hat das Zeug dazu, zur künftigen Standardliteratur der Württemberg-Philatelie zu gehören. Es ist leicht lesbar und gut gestaltet, die Fotos und Abbildungen sind professionell und die Gestaltung bzw. das Layout ebenso. Kompliment!
Kurzinfo: Format 17 x 24 cm, 182 Seiten, zahlreiche Abbildungen, in Farbe, Hardcover, 1. Auflage April 2026. Verkaufspreis: 59 Euro. Erhältlich über den Literatur-Shop der ArGe Württemberg (www.arge-württemberg.de). Schriftliche Bestellungen sind zu richten an: Werner Muttmann, Am Alten Friedhof 10, 70825 Korntal.
