(wm) Zuweilen gibt es eigene gedankliche Assoziationen, die sich drastisch von denen anderer unterscheiden. So auch in diesem Fall. Das Bundesministerium der Finanzen schrieb in der üblichen „Ministerkarte“ zur Marke:

„Unser Sonderpostwertzeichen zum Tag der Briefmarke thematisiert die Sammelleidenschaft der Briefmarkenfreunde sinnbildlich. Humorvoll und mit gekonnt kraftvollem Pinselstrich wird die Sammelleidenschaft in Szene gesetzt. Die dynamische Illustration zeigt den stolzen Briefmarkensammler mit seinem ‚großen‘ Schatz. Unsere Miniaturen im Briefmarkenformat sind und bleiben halt für viele Sammler in aller Welt eine ganz große Sache.“

Letzteres kann man angesichts der am 5. September 2019 erschienenen Marke nur hoffen. Denn man kann den ungewöhnlichen Entwurf auch völlig anders deuten: Der Mann mit Schirmmütze im blaugrünem Overall – so etwas tragen häufig Müllwerker – knickt unter der Last der riesigen Kisten fast zusammen, zumindest geht er in die Knie, und schleppt die Kiste – na, wohin denn? Zum Müllwagen zur Entsorgung. Von Stolz keine Spur, ein Schatz wird nicht sichtbar, nur die Last, die sich über Jahrzehnte des Sammelns angehäuft hat. Ein Schelm, wer dabei denkt, dass die Realität der Sammlungsverkäufe dieser Tage – da werden ganze Kellerzimmer voll mit Albenschränken und Großbeständen angeboten und zuvor per Lastwagen (Entmüllungswagen) von den Erben abgeholt und verramscht. Insofern trifft das Motiv der Marke die Gegenwart, allerdings auf eine sehr traurige Weise.

Die Gestaltung solcher Markenthemen konnten anderen bereits früher besser. Zwei Beispiele – in diesem Fall der Post der USA von 1974 und 1986 – mögen dies verdeutlichen. Das erste ist eine Art Hommage an den Brief und dessen Bedeutung in der jüngeren Kulturgeschichte, das zweite dokumentiert die Objekte der Sammelleidenschaft: die Briefmarke, Alben, Stempel, Lupe etc. Selbst die deutsche Philateliegeschichte hat zu diesem Thema weit bessere Entwürfe bereits gesehen.

So fragt sich der Autor, was sich denn der Künstler, Professor Peter Krüll aus Kranzberg, wirklich bei seinem Entwurf gedacht haben mag. Es erschließt sich ihm nicht. „Gutes tun – Mit Briefmarken helfen“, heißt es im Randzudruck der Marke. Ob das wirklich gelungen ist, kann man bezweifeln!